Kleine Zookunde

Der Monarchfalter

Mit einer Flügelspanne von ca. 12,4 cm legt der Monarchfalter jedes Jahr eine Strecke von bis zu 4.000 Kilometern zurück. Sein Ziel sind die Berge in Mexiko oder warme Gegenden in Florida und Kalifornien, wo die Tiere überwintern. Im Frühjahr kehrt eine junge Generation dann zurück in die nördlich gelegenen Sommerreviere. Wissenschaftler sind nicht nur von der schieren Ausdauer des Falters beeindruckt, sondern auch von seinen Navigationsfähigkeiten. Wie kann ein Lebewesen, das anstelle eines Gehirns nur wenige Nervenknoten besitzt, komplexe Routen speichern und abrufen?

Bei der Erforschung seiner DNA konnten Genetiker das Jahrmillionen alte Fahrtenbuch der Falter einsehen. Das Ergebnis: Monarchfalter sind ein Erfolgskonzept der Evolution das bis vor die Eiszeit zurück reicht. Von den Tropen Lateinamerikas aus haben die Tiere ganz Amerika erobert und sind sogar nach Übersee aufgebrochen. Welchen evolutionären Vorteil der Falter aus seiner Reiselust zieht, konnte allerdings bisher noch nicht schlüssig erklärt werden. Womöglich halten die kleinen Tiere es ja mit dem Alexander Humbold, den bekanntlich ebenfalls notorisch der Hafer stach: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“

Der Seidenlaubenvogel

Über 9 Monate benötigt das Männchen des blauen Seidenlaubenvogels, um eine aufwändige Konstruktion aus verflochtenen Halmen zu errichten. Nachdem ein geeigneter Platz gefunden und gesäubert wurde, beginnt der Bau der bis zu 35cm hohen Laube, deren Mittelgang exakt in Richtung Nord-Ost ausgerichtet ist. Anschließend sammelt das Männchen Federn, Blüten, Schlangenhaut, Wäscheklammern oder Müll – alles in Blau – und verteilt diese Gegenstände in einem Halbkreis um die Laube. Außerdem zerkaut es blaue Beeren und färbt mit dem Saft die Wände der Laube. Schließlich versucht es, ein Weibchen seine Laube zu locken, um sich mit ihm zu paaren.

Ornithologen geraten über den blauen Seidenlaubenvogel leicht ins Schwärmen. Sein Verhalten bestätigt die Theorie, dass die Fähigkeit, Überflüssiges herzustellen von den Weibchen als Zeichen dafür gesehen wird, dass auch für das Notwendige gesorgt sein wird. Nach der Paarung errichtet das Weibchen ein zweites, einfacheres Nest für die Brut und Aufzucht der Jungen. Hilfe vom Männchen bekommt es dabei nicht.

Die Katze

Katzen wird ein Hang zum Geheimnisvollen nachgesagt. Ein Grund dafür dürften die nächtlichen Treffen sein, bei denen männliche Tiere an einem verborgenen Ort bis zu einer Stunde regungslos im Kreis sitzen.1 Die Zusammenkünfte faszinieren Verhaltensforscher seit Jahren und haben zu einer Revision der Annahme geführt, Katzen seien Einzelgänger. Tatsächlich verbrüdern sich die Kater benachbarter Reviere in ritualisierten Kämpfen und bilden dann eine dauerhafte Gemeinschaft.

Der biologische Vorteil dieser Zusammenschlüsse könnte darin liegen, dass Revierstreitigkeiten reduziert werden und Paarungsrechte aus der formalen Rangordnung abgeleitet werden können. Katzenhaltern dürfte dies eher befremdlich erscheinen: Die Beziehung zum Menschen gestaltet die domestizierte Katze analog der Beziehung zum Muttertier. Dass die Katze auch dort ihre Interessen durchzusetzen weiß, fanden kürzlich englische Forscher heraus, die nachweisen konnten, dass Katzen, die nach Futter betteln, exakt den Frequenzbereich eines schreienden Säuglings ansteuern.2

Die Ameise

Statistisch gesehen, ist eines von hundert Lebewesen auf dieser Erde eine Ameise.4 Die Ameisen sind dem Menschen aber nicht nur zahlenmäßig überlegen: Die komplexesten Gesellschaften auf diesem Planeten sind Superkolonien argentinischer Ameisen mit mehreren Milliarden Einwohnern. Der Ameisenbau ist die architektonische Gestalt dieser biologischen Vorherrschaft und zieht seit jeher das Interesse des Menschen auf sich. Um die unterirdische Struktur eines Ameisenbaus untersuchen zu können, gossen brasilianische Wissenschaftler das Nest einer Kolonie von Grasschneiderameisen mit Zement aus.

Nach drei Tagen waren etwa 10 Tonnen Zement unter der Erde verschwunden. Was die Forscher dann freilegten war eine unterirdische Megacity mit einem ausgeklügelten Versorgungssystem aus Kühltunneln, Müllhalden, Nahrungs- und Wohnkammern die durch ein Netz aus Straßen verbunden waren. Geplant und koordiniert von einem Superorganismus, erstreckte sich der Bau über eine Fläche von insgesamt 50 Quadratmetern und reichte acht Meter in die Tiefe. Auch wenn 5000 Liter Beton das Werk eines Volkes im Handumdrehen zerstören – am Thron der Ameise rüttelt der Mensch damit nicht.

Der Schimpanse

Als der deutsche Wissenschaftsmoderator Hoimar von Ditfurth im Jahr 1975 mit einem Kamerateam des ZDF nach Oaklahoma reiste, erwartete er nicht weniger als ein Wunder. Den amerikanischen Gastgebern war es gelungen, einigen Schimpansen die Amerikanische Zeichensprache beizubringen.5 Die Versuche polarisierten nicht nur innerhalb der Wissenschaft, wo man nun darüber stritt, ob nicht auch die menschliche Sprache aus der Verwendung von Gesten hervorgegangen sein könnte.6 Auch außerhalb von Fachkreisen diskutierte man, ob Mensch und
Affe nicht vielleicht näher verwandt sein könnten, als bisher angenommen.

Es schien, als sei dem Menschen mit dem Privileg der Sprachbegabung auch die Krone der Schöpfung strittig gemacht worden. Hoimar von Ditfurth schrieb später in einer Mischung aus Begeisterung und Irritation über seinen Besuch: „Als wir den Affen gegenüberstanden, begannen sie sofort mit den unterschiedlichsten Zeichen und Gesten. Unser Team hatte natürlich keine Ahnung, was die Affen von uns wollten. Also blieben wir stumm und ratlos. Darüber wurden die Affen regelrecht ‚sauer‘: sie fingen an zu schimpfen, und am Ende drehten sie sich um und zeigten uns ihre Kehrseiten.
Sie verachteten uns, weil wir sie nicht verstanden.“

Die Honigbiene

„Wenn Blumen bunt sind, dann können Bienen auch Farben unterscheiden“ mit dieser Beobachtung trat im Jahr 1914 der junge Biologe Karl von Frisch gegen die gängige Lehrmeinung an, Bienen seien nicht in der Lage, Farben zu unterscheiden. Frisch konnte nicht nur nachweisen, dass Bienen die Farben unterschiedlicher Nahrungsquellen ,lesen‘ können, seine Versuche mit dressierten Bienenvölkern zeigten auch, dass die Ergebnisse eines Erkundungsfluges in Form standardisierter Tänze an die Artgenossen vermittelt werden.

Die Kundschafterin bewegt sich dabei in einem bestimmten Winkel zum Sonnenstand und zeigt damit die Richtung an, in der ihr Fund liegt. Die Entfernung kommuniziert sie über die Frequenz ihrer Schwänzelbewegung. Die besondere Architektur der Waben verstärkt die Schwingungen des Tanzes, so dass immer mehr Arbeiterinnen angelockt werden. Die Tanzsprache der Bienen ist einzigartig im Tierreich und es verwundert nicht, dass die Biene von allen Insekten die meiste Aufmerksamkeit der Wissenschaft bekam. Das musste auch Karl von Frisch‘s junge Gattin merken, die von ihrem Mann bereits während der Flitterwochen bei Bienenversuchen assistieren musste.

1   Es gibt noch mindestens zwei andere Gründe: Zum einen das, ebenfalls kaum dokumentierte Talent der Katze, Bilder zu zeichnen und Skulpturen anzufertigen (vgl. „Warum Katzen malen. Eine Theorie der Katzen-Ästhetik“, Taschen 1995). Zum anderen die Vermutung des mittelalterlichen Klerus, die Katze sei Behausung mehrerer Dämonen der wir das Sprichwort „Katzen haben 7 Leben“ zu verdanken haben.

2   Der Kommunikaitonswissenschaftler Gregory Bateson hat das treffend beobachtet: „Wenn Ihnen Ihre Katze zu sagen versucht, daß Sie ihr Futter geben sollen – wie macht sie das? Sie hat kein Wort für ,Futter‘ oder ,Milch‘. Was sie macht, sind Bewegungen oder Geräusche, die typischerweise jenen entsprechen, die ein Katzenjunges gegenüber seiner Katzenmutter demonstriert. (…) Die Katze spricht im Rahmen von Beziehungsmustern (…) und von hier aus müssen sie einen deduktiven Schritt machen und raten, daß es Milch ist, was die Katze will.“ (Gregory Bateson: „Probleme in der Kommunikation von Delphinen und anderen Säugetieren“, dt. Erstveröffentlichentlichung 1985).

3   Bereits in den 60er Jahren hatten die amerikanischen Wissenschaftler Roger und Deborah Fouts die Schimpansen-Dame Washoe als Jungtier in ihre Familie integriert und mit der amerikanischen Zeichensprache aufgezogen. Als Washoe im Jahr 2007 verstarb, hatte sie nicht nur über 300 Worte gelernt, sie hatte ihr Wissen auch selbstständig an andere Affen weitergegeben.

4   Der renommierte Amerikanische Sprachphilosoph Noam Chomsky bestritt noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2008, dass die Schimpansen wirklich sprechen gelernt hätten: „It‘s rather as if humans were taught to mimic some aspects of the waggle dance of bees and researchers were to say, „Wow, we‘ve taught humans to communicate.“ (Interview mit Matt Aames Cucchiaro, 2007/2008).

5   Hoimar von Dittfurth in der Sendung Querschnitte vom 8 September 1975 (ZDF).

6   Unter den Besuchern dieser Website müssten sich also täglich etwa 2,5 Ameisen befinden.